„Was fällt euch zur DDR ein?“
Mit dieser Frage begann der Besuch des DDR-Zeitzeugen Erich Zenkner im Geschichtsunterricht von Frau Weiland der Klasse 10d. Die Schülerinnen und Schüler nannten Begriffe wie Trabant, Diktatur und Grenze. Schnell wurde jedoch deutlich, dass die Realität hinter diesen Schlagworten weit komplexer und persönlicher war.

Erich Zentner, geboren 1960 in Thüringen, nahm die Klasse mit auf eine Reise durch seine Kindheit und Jugend in der DDR. Bereits im Kindergarten habe die sozialistische Erziehung begonnen. Noch heute erinnere er sich an Lieder und Erziehungsziele, die den Sozialismus verherrlichten. Auch in der Schule sei Politik allgegenwärtig gewesen. Wer sich anpasste, hatte Vorteile. Wer kritisch dachte oder aneckte, musste mit Nachteilen rechnen.
Besonders eindrucksvoll schilderte Zenkner die Rolle der Freien Deutschen Jugend (FDJ). Die Mitgliedschaft galt als selbstverständlich. Politische Loyalität konnte über Ausbildung, Studium und Beruf entscheiden. Kritisches Verhalten hingegen wurde registriert. Als Beispiel nannte er einen Mitschüler, dem wegen seiner Haltung die Teilnahme an einer Klassenfahrt verwehrt wurde. Auch über die Wahlen in der DDR sprach Zenkner offen. Offiziell habe es Wahlen gegeben, tatsächlich seien diese jedoch nicht frei gewesen. Wer die Wahlkabine benutzte, habe sich bereits verdächtig gemacht. Viele Menschen hätten aus Angst vor Nachteilen einfach den vorgegebenen Stimmzettel unverändert eingeworfen. Dabei machte der Zeitzeuge deutlich, dass nicht jeder überzeugter Anhänger des Systems gewesen sei. Viele Menschen seien – wie schon in anderen Diktaturen – „mit dem Strom geschwommen“, um Nachteile zu vermeiden. So sei auch sein Großvater Mitglied der SED geworden, ähnlich wie viele Menschen zuvor Mitglied der NSDAP geworden waren, um beruflich keine Probleme zu bekommen. Der bewegendste Teil des Vortrags begann, als Herr Zenkner von seinem Fluchtversuch berichtete.
1978 wollte er gemeinsam mit Freunden über Ungarn und Jugoslawien in die Bundesrepublik Deutschland fliehen. Die Flucht scheiterte. Er wurde festgenommen und zunächst in Ungarn inhaftiert. Anschließend überstellte man ihn an die DDR-Behörden. Die folgenden Schilderungen sorgten für große Aufmerksamkeit im Klassenzimmer. Zenkner berichtete von Einzelhaft, psychischem Druck und wochenlangen Verhören. Er erzählte, wie Gefangene nur noch mit Nummern angesprochen wurden, wie man versuchte, ihre Persönlichkeit zu brechen, und wie Schlafentzug sowie ständige Verhöre eingesetzt wurden. Insgesamt entstanden hunderte Seiten Verhörprotokolle. Besonders bedrückend war seine Beschreibung der Haftbedingungen. Über Monate hinweg lebte er isoliert. Schließlich wurde er zu einer mehrjährigen Haftstrafe verurteilt und in das Zuchthaus Brandenburg gebracht. Dort schrieb er zahlreiche Gnadengesuche und hoffte auf eine Entlassung. In dieser schweren Zeit spielte sein christlicher Glaube eine wichtige Rolle. Eine Bibel, die er während der Haft erhielt, habe ihm Kraft und Hoffnung gegeben. Seine Familie habe ihn während der gesamten Zeit unterstützt und nie aufgegeben. Nach insgesamt vier Jahren Haft wurde Erich Zenkner schließlich von der Bundesrepublik Deutschland freigekauft und durfte die DDR verlassen.
Über West-Berlin gelangte er in die Freiheit. Zum Abschluss sprach Zenkner mit den Schülerinnen und Schülern über die Bedeutung von Demokratie heute. Demokratie sei niemals selbstverständlich, betonte er. Sie müsse geschützt, verteidigt und aktiv gelebt werden. Besonders eindringlich blieb vielen seine Aussage in Erinnerung, dass Freiheit oft erst dann wirklich geschätzt werde, wenn sie verloren gehe.
















